Ein neuer Weg

Wir sind nun über sechs Wochen im Lockdown in Südtirol. Um die Zeit so gesund und produktiv zu verbringen, habe ich inzwischen eine Tischdecke gestickt, neue Rezepte probiert, viel geputzt und auch einiges an Körpertraining gemacht. Inzwischen gibt es auch einen Corona-Infizierten in meiner Verwandtschaft und meine Schwester – sie ist Krankenschwester – wird gerade getestet, da sie verdächtige Symptome aufweist. Wir sollten keine Angst haben, aber ich hoffe, dass meine Schwester negativ sein wird. Hier ist auch Gottvertrauen angesagt. Trotz aller Risiken, ist diese lange Zeit des Lockdowns wirklich problematisch. Nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Sicherheit der Demokratie, dem Frieden in den vier Wänden zuhause und auch für die psychische Gesundheit von vielen, vielen Menschen.

Wie kann man die Risiken der Ansteckung mit dem Virus gegen die anderen Risiken abwägen? Ehrlich, ich weiß es nicht mehr. Im Moment habe ich Bedenken, dass wir auf eine äußerst sensible Situation zugehen. Eine Situation, die eine große Chance, aber auch eine noch viel größere Krise als jetzt sein kann. Ich bin üblicherweise eine ausgeprägte Optimistin, eine Haltung, die mir schon oft auch Kritik einbrachte. So etwas wie, dass ich naiv sei, unkritisch und kindisch…. Tja, ich bin lieber Optimistin als Pessimistin, denn ich lebe damit weit gesünder und besser als die Pessimisten. Ich erwarte mir lieber nur das Beste, als das Schlechteste. In der jetzigen Situation bin ich aber nicht mehr so optimistisch als üblich. Es häufen sich Nachrichten, die mich mehr als bedenklich stimmen:

So viele Grenzen wurden geschlossen. So wenig des gemeinsamen Europas war in letzter Zeit zu spüren. So viel Staatsgewalt und ja, sogar Willkür der exekutiven Kräfte hörte man und Menschen sind nun in Situationen gefangen, die sie weder verursacht noch begünstigt hatten. So kam es, dass eine junge Familie auseinandergerissen wurde:

Sie ist hochschwanger und in Österreich versichert. Er arbeitet in Südtirol. Sie musste in Österreich bleiben mit dem ersten Kind und er sitzt nun im Süden fest. Obwohl Österreich Paaren erlaubt zusammen zu sein, darf er in Südtirol die Gemeinde nur in bestimmten Fällen verlassen. Dazu gehört aber diese Beziehung nicht dazu. Vereinigtes Europa, na bravo! Ich sehe hier keine Einheit. Ich bin lieber hier bei meinem Schatz und ich habe euch ja in einem früheren Beitrag geschrieben, wie es mir ergangen ist, als die Grenzen dicht gemacht wurden und ich noch in Nordtirol war. Doch möchte ich natürlich auch mal wieder gerne meine Stammfamilie besuchen, was derzeit unmöglich ist.

„Liebe Europäische Union, wir haben uns auf dich eingelassen und dein Angebot der geöffneten Grenzen angenommen. Wir haben uns auf dich verlassen, dass du uns hier Sicherheit bietest. Doch jetzt müssen wir einsehen, dass du sehr unzuverlässig bist und beim kleinsten Problem – einem Virus der so winzig ist, dass man ihn gar nicht mit freiem Auge sehen kann – die Grenzen wieder hochziehst! Wo sind deine Versprechen geblieben in dieser Situation? Ist diese Union nur eine Schönwetter Union? Du hast in einigen Krisen schon versagt, doch jetzt versagst du in meinen Augen vollends! Wo soll das denn hinführen? Ich bin enttäuscht und sehr traurig. Das ganze Geld, das du hast, kann dir nicht helfen eine Einheit herbeizuführen? Schade. Ich bitte dich, dass du schnell wieder aus deinem Dornröschenschlaf erwachst, sonst drohen noch andere Exits. Wäre nur verständlich angesichts der derzeitigen Lage. Liebe Grüße Michaela“

Ich bin Süd-Tirolerin, Österreicherin und ja, auch Europäerin. Ich war damals bei der Abstimmung noch gegen einen Beitritt und alle haben mich für verrückt erklärt. Man versprach uns hoch und heilig, dass es keine Preissteigerungen geben werde. Nach der Übernahme des Euros hatten wir aber genau DAS. Natürlich waren einige Prognosen nicht eingetreten, Gott sei Dank. Doch in all den Jahren war ich immer eher kritisch eingestellt. Man prognostizierte den Schweizern den Staatsbankrott, weil sie nicht beigetreten sind. Und siehe da, war nicht so…. So viel wurde uns vor Augen geführt, was negativ wäre, im Falle eines Nichtbeitritts. Heute glaube ich, dass da vieles einfach falsch gewesen ist. Aber ich gestehe, dass ich die EU immer mehr ins Herz schloss mit den Jahren.

Als ich dann noch meinen Schatz kennenlernte, umso mehr. Wir konnten jederzeit uns sehen. Wir konnten die Brennergrenze (fast) vergessen. Doch jetzt ist es unglaublich, was da über uns hereinbrach. Da gebe ich nicht dem Virus die Schuld. Dem sind Grenzen sowieso egal. Nein, der Politik gebe ich die Schuld. Es gibt in der EU KEIN – ja wirklich GAR KEIN Krisenmanagement. Es gibt einen gut durchdachten Beitrittsablauf, aber keinen Exitablauf. Das wurde schlicht und ergreifend nicht mitgedacht, dass vielleicht einmal Staaten den Bund wieder verlassen möchten. Es gibt keinen Aussengrenzschutz – oder so gut wie keinen. Der wurde wohl auch vergessen. Es gibt wirklich viele Probleme, weil Situationen, die jetzt auftreten, einfach nicht mitgedacht wurden. Ok. Den Virus konnte keiner vorhersehen, oder? Oder vielleicht doch? Jedenfalls wurde keine Krise mitgedacht. Diese Union wurde wirklich nur als Schönwetter – Union gemacht. Es gab schon einige Gewitter, doch jetzt haben wir gerade einen Tsunami hier – bildlich gesprochen.

So ist das also mit der EU. Ministerpräsident Conte legt Italien weiterhin auf Eis, was leider eine Katastrophe werden wird. Die Menschen, die um ihre Existenz bangen, halten diese Hinhaltetaktik nicht mehr lange aus. Es steht zu befürchten, dass bei weiterer Uneinsichtigkeit in Rom, die Menschen auf die Barrikaden gehen werden. Es ist einfach zu viel, zu lange verboten worden.

Darum bin ich echt froh, dass nun die Landesregierung von Südtirol einen eigenen Weg einschlagen will, und das – man höre und staune – ohne Rom um Erlaubnis zu bitten. Endlich besinnen sich unsere Landespolitiker wieder darauf, dass wir eine Autonomie haben. Und in den Nachrichten hörte ich von einem Verfassungsexperten, dass die Italienische Verfassung keinen Bezug darauf nimmt, was bei einem Notstand der Staat darf und die Regionen dürfen. Heißt also, dass die Verfassung da schlicht und ergreifend gar nichts sagt. Das kann Verwirrung stiften, aber uns in dieser Situation auch helfen. So sehe ich das. Auch andere Regionen wollen sich diese Bevormundung aus Rom nicht mehr bieten lassen, wie zum Beispiel Venetien.

Darum haben wir mit diesem „neuen“ – eigentliche alten – Weg vielleicht wieder dir Richtung gefunden, die unsere Vorfahren so hart erkämpfen mussten. Wir werden also früher wieder „hochgefahren“ werden. Mit Vorsicht und Schutzmaßnahmen natürlich.

Ausstellung in Bozen „BAS – Opfer für die Freiheit“ über die Bombenjahre in Südtirol. Danach erst konnte eine Autonomie erreicht werden. Viele mussten ihr Leben lassen.

Auch muss ich oft den Kopf schütteln, wenn von – „oh mein Gott, die zweite Welle MUSS verhindert werden“ – bis hin zu „wir müssen eine Grundimmunisierung zustande bringen, das sind 60 %, die eine Infektion überstanden haben“ die Rede ist. Meine Güte, ihr müsst euch schon entscheiden. Die nächsten Wellen kommen bestimmt, das sagt mir der Hausverstand. Oder wir sitzen im Lockdown bis wir alle verhungert sind. Ok. Dann gibts keine Welle mehr….

Ist es echt zu viel verlangt, dass die Experten ihren Hausverstand einsetzen und einfach gewisse Realitäten mitdenken? Beispiele gefällig: Ohne Wirtschaft, kein Gesundheitssystem. Punkt. Dieser Virus grasiert, solange es Menschen gibt. Es bleibt zu hoffen, dass deutlich mehr Menschen ein Mittelmaß zwischen Vorsicht vor Ansteckung und Mut zum Leben in der Gesellschaft aufbringen.

Entsetzt bin ich, als ich hörte, wie viele Denunzianten es inzwischen gibt. Ist es wirklich möglich, dass wir alle NICHTS aus der Geschichte gelernt haben? Warum kannst du es nicht der Verantwortung des anderen überlassen, ob er sich ansteckt? Du musst dich ja nicht unvorsichtig verhalten! Aber DU hast die Verantwortung für DICH ALLEIN! Du hast sie nicht für uns alle! Es ärgert mich sehr, wenn solche Leute dann sagen, dass sie ja nur das Beste für uns alle wollen. Ach ja? Mich hast du aber nicht gefragt, ob das Anzeigen eines anderen in meinem Interesse oder gar für mich das Beste ist.

Ich wünsche mir von Herzen, dass es bald wieder ruhiger wird. Wir werden mit diesem Virus leben lernen oder wir werden halt alle an die Wand gefahren. So oder so. Ich entscheide mich für das Leben. Wir sollten Solidarität zeigen und uns nicht gegenseitig anzeigen. Wir sollten gestärkt mit Mut hinausgehen, ohne Angst vor dem Virus, sondern mit Besonnenheit und einem guten Maß an Vorsicht. Angst hat uns nun lange genug gelähmt. Wir sollten nun wieder aufstehen und uns ans Werk machen. Jeder in seinem Bereich und mit seinen Mitteln. Und ja, vielleicht auch den Politikern doch auch wieder einmal vor Augen führen, dass auch ihr Gehalt mit dem Tod der Wirtschaft endet.

So wünsche ich uns allen, dass wir gesund bleiben. Jetzt aber nicht nur körperlich, sondern vor allem psychisch und geistig.

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