Sprach(los)begabt

Da ich derzeit keinen Sprachkurs mache, weil ich mir das vorgenommen hatte, kann ich aber dennoch auf ein kleines bisschen Unterricht doch nicht verzichten. Italienisch hat für mich – und vielleicht auch für andere Deutschsprachige – seine Tücken. Ich erinnere mich, als ich mal zu meinem Schatz in Italienisch sagte, dass ich die „lampioni“ gerne esse, wie er heftig zu lachen anfing! Er wusste natürlich, was ich sagen wollte, aber in Wirklichkeit sagte ich tatsächlich, dass ich Lampen gerne esse! Gemeint waren aber die „lamponi“ – die Himbeeren. So kommt es oft, dass ich Vokabeln entweder verwechsle oder gleich eine neue Wortschöpfung kreirte, die es bis dato im Italienischen noch gar nicht gab. Oft ist mein Schatz aber nicht wirklich hilfreich, weil er mir Worte sagt, die entweder aus dem trentinischen Dialekt stammen, oder gar nicht wirklich „stubenrein“ sind. Also beides eher weniger geeignet für mich im italienischen Sprachgebrauch. Glücklicherweise nahm ich 2014 an einem tollen Projekt in Bozen teil, das mir bis heute zwei Freundinnen bescherte, die – so wie ich – sehr daran interessiert sind, die deutsche Sprache zu erlernen und mir helfen beim Spracherwerb in Italienisch. Das Projekt „Tandem“. Darüber möchte ich euch gerne berichten.

Ich war 2014 ein Jahr in Südtirol, um Italienisch zu lernen. Ich hatte damals eine sogenannte Bildungskarenz in Anspruch nehmen können. Es war für mich eine Art von „Probewohnen“ bei meinem Schatz und zugleich konnte ich – damals noch Trainerin bei einem privaten Bildungsanbieter – die Seiten wechseln. Es ist immer gut, wenn wir die Perspektive wechseln und ich mal wieder in die Rolle der Kursteilnehmer schlüpfen konnte und die Lehrerin mal in den „Urlaub“ schicke.

Der Beginn mit der Sprache war echt heftig für mich! Ich machte zuvor einen Einstufungstest via Mail und Telefon und ich wurde auf A2.1 eingestuft. Also ich voller Vorfreude rein in den Kurs. Als ich dort saß, war es mir, als wäre ich grade in China gelandet: die Lehrerin sprach und lehrte und unterrichtete und ich? Verstand nix! Rein gar nichts! Kein Wort! Ich saß da also ca. zwei Stunden und kapierte null. Sie gab uns Aufgaben und ich hatte keinen Plan, was sie von mir will. Im ersten Kurs saßen auch kaum Deutschsprachige, sodaß ich nur Italienisch zur Verfügung hatte, weil ich kein Slowakisch, Rumänisch oder Chinesisch konnte. Ab und zu konnte ich mich mit ein bisschen Englisch verständigen.

Diese erste Zeit war unglaublich mühsam. Erschreckend und ja, ich war tatsächlich sprachlos. Nach einiger Zeit konnte ich besser verstehen, aber ich konnte mich nicht äußern. Ich brachte buchstäblich kein italienisches Wort heraus. Zeichensprache half oft viel und der freundliche Versuch von Gabriella – so hieß meine Lehrerin – mein unverständliches Gestammel zu verstehen. Gestammel. Mehr war da auch nicht! Peinlich fühlte es sich oft an. Aber ich kämpfte mich durch die ersten paar Wochen so durch. Dann machte sie mich auf das Projekt „Tandem“ aufmerksam: zwei Muttersprachler versuchen sich gegenseitig im Erlernen der Sprache des Gegenübers zu helfen.

Super. Gesagt – getan. Bald lernte ich meinen ersten Tandempartner kennen: Alberto. Die Regeln sind denkbar einfach:

  1. Wir sind beide keine Sprachlehrer.
  2. Die gemeinsame Zeit wird halbiert und in einer Hälfte wird nur – Betonung liegt auf „nur“, meint ausschließlich – Deutsch gesprochen und in der anderen Hälfte nur Italienisch. Es ist klar untersagt, diese Regel zu brechen.
  3. Die Treffen sollen ein wenig mitdokumentiert werden (Frequenz, Dauer etc.)
  4. Es finden in gewissen Abständen mit der Beraterin des Projektes Reflexionsbesprechungen statt.

Also Alberto war in Deutsch schon sehr weit. B2 Niveau. Wir trafen uns also und begannen mit Deutsch. Dann eine halbe Stunde Italienisch. Ich kann euch sagen, das war schon krass. Er fragte mich etwas. Ich verstand so gut wie nichts. Dann fragte er wohl dasselbe irgendwie anders. Ergebnis: dasselbe! So versuchte er einige Zeit in totaler Geduld die gleiche Frage solange umzuformulieren, bis ich mal den „Aha“ – Moment hatte. Ok. Super! Kapiert. Er fragte mich wie lange ich denn schon hier in Südtirol sei. So da war das Problem: ich war sprachlos. Ich versuchte irgendwie, irgendeinen halbwegs verständlichen Satz zu produzieren, was aber sicherlich nicht gelang. Alberto und ein großes Fragezeichen im Gesicht! Ich stotterte, stammelte, kratzte alle möglichen Wörter aus meinem Miniwortschatz in Italienisch zusammen und ich fing an die Zahl zu schreiben und so ging es weiter.

Diese halbe Stunde empfand ich als absolute Tortur! Weniger für mich, als für ihn. Ich dachte nach unserem Treffen: „Den siehst du nie wieder!“ Doch weit gefehlt. Er kam wieder! So trafen wir uns regelmäßig nach dem Kurs am Abend oder vor dem Kurs im Institut. Nach einigen Monaten erzählte ich ihm, dass ich dachte, er würde nicht mehr mit mir arbeiten wollen nach dem ersten Treffen. Da lachte er und meinte, dass das Schwierigste für ihn war, dass er mir nicht in Deutsch helfen durfte. Das sei wirklich schwer gewesen. Er hatte wohl richtig Mitleid mit mir.

Das Durchhalten war sicher die größte Herausforderung am Anfang, aber als ich selbst die ersten Fortschritte im Sprachgebrauch sah, da war es geschafft. Mit der Zeit bekam ich noch zwei Tandem Partnerinnen. Und das ist der größte Schatz, den ich bekam durch das Projekt: zwei Freundinnen. Inzwischen ist das Projekt schon lange vorbei für uns, aber wir haben nach wie vor Kontakt gehalten und jetzt wird wieder intensiv an unserer Sprachkompetenz gearbeitet. Mit Treffen zum Kaffee oder via Whatsapp. Es ist wirklich schön, wie das gewachsen ist.

Paola habe ich kurz aus den Augen verloren (ca. 1 Jahr), doch dann habe ich sie bei einem Schützenfest wiedergetroffen! Sie wusste nicht, dass ich wieder in Südtirol bin und sofort fragte sie mich, ob wir wieder starten können. Drei Frauen, alle im mittleren Alter – so nennt man das doch, oder?! – und hochintelligent, mit allerlei ähnlichen Erfahrungen und so haben wir eine gemeinsame Wellenlänge, die den Sprachgebrauch vereinfacht, weil das Vertrauen groß ist. Dadurch hat man weniger Hemmungen, Fehler zu machen. Derzeit bin ich mit Rosita intensiv unterwegs: per Whatsapp üben wir täglich. Sie möchte einen neuen Job und ich hab inzwischen eine Zusage, fange aber erst im August an. Wir können also die Zeit intensiv nützen!

Sie hat mir schon mehrmals gesagt, dass ich inzwischen richtig große Fortschritte gemacht habe! Derzeit arbeite ich an meiner Aussprache und das geht am Besten, indem ich ihr etwas vorlese. Sie korrigiert mich dann, wenn ich etwas falsch ausgesprochen habe. Sie weist mich auf einen bestimmten Buchstaben hin: das „g“. Es sollte weich „dsch“ gesprochen werden, wie im Englischen „Jam“. Deutschsprachige machen es immer zu hart: „tsch“. Das ist Übungssache. Auch die Silbenbetonung ist oft falsch, da ich das Deutsche im Kopf habe.

Es erinnert mich an eine Reise nach Rom, wo unsere Reiseleiterin oft von den Katooooliken sprach. Ich wusste am Anfang nicht, was sie meint, bis ich feststellte, dass sie das Wort „Katholiken“ italienisch betonte. So muss sich das umgekehrt anhören, wenn ich so manches Wort deutsch betone!

Insgesamt habe ich Freude am Lernen generell und im besonderen an den Sprachen. Italienisch ist sicher schwierig, wenn wir es ernst meinen und die Sprache in einer schönen Art lernen möchten. So wie ich es heute noch schätze, dass unser Englischlehrer so viel Wert darauf gelegt hatte, dass wir das Englisch gut und schön ausgesprochen lernen.

Also auf zum nächsten Sprachabenteuer und ich freue mich, dass ich nicht mehr sprachlos in Italienisch sein muss!

Habt eine schöne Zeit und ich freue mich über eure Rückmeldungen.

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