Ein Engel

Der Alltag nimmt uns alle ein. Die einen mehr, die anderen weniger. Langsam kommt das auch bei mir. Nach den vielen Neuerungen und Aufregungen richtig erholsam. Doch gestern und heute waren  außergewöhnliche Tage.

Ich fand im totalen Trubel am Bahnhof eine Brieftasche. Sie sah aus, als hätte ein Kind sie verloren – eine Kinderbrieftasche irgendwie. Da ich aber auf meinen Zug musste, hatte ich nicht die Zeit zu schauen, wo man Fundsachen abgeben kann… Also steckte ich sie ein und fuhr nach Hause. Wäre ein Schaffner gekommen, hätte ich sie ihm oder ihr anvertraut. Aber dem war nicht so. Daheim angekommen schaute ich doch schnell in die Geldtasche hinein, um heraus zu finden, wer sie denn verloren hatte.

Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass sie keinesfalls einem Kind gehört, sondern einem Touristen aus der Schweiz, der offenbar in Meran Urlaub macht. Ich hatte sofort vollstes Mitleid, weil ich mir vorstellen kann, welcher Schock das ist, wenn man feststellt, die Brieftasche mit allen möglichen Karten verloren zu haben.

Ich fand eine Visitenkarte der Kurverwaltung in Meran, doch als ich da anrief, lief das Band. Aber es befand sich auf der Karte ein Stempel eines Hotels und ja, dort erreichte ich jemanden und der besagte Tourist wohnte dort. Also teilte ich mit, dass die Geldtasche bei mir in der Ausstellung in Bozen abgeholt werden kann.

Heute kam mich der Eigentümer der Geldtasche besuchen und war wirklich extrem erleichtert. „Sie sind unser Engel. Sie haben uns wirklich den Urlaub gerettet! Vielen Dank!“ Natürlich erzählte ich ihm gleich einiges über unsere Ausstellung hier, und später verließ er mich sichtlich glücklich – mit seiner Brieftasche in den Händen. Nicht ohne einen Finderlohn hierzulassen!

Ich hatte schon einige Bezeichnungen, aber „Engel“ wurde ich noch nie genannt. Es machte mich auch glücklich, dass ich einem Menschen helfen konnte. In der Hoffnung, dass im Falle des Falles auch mir das Glück zuteil wird, einen ehrlichen Finder zu haben.

Vor einiger Zeit stieß ich auf einen Vortrag von Paul Watzlawick in youtube „Wenn die Lösung das Problem ist“, in dem er bei Minute 40:45 auf die „Kettenreaktion des Guten“ – ein Begriff von ihm – eingeht. Darin sagt er, wenn ich jemandem einen kleinen Gefallen tue (er verwendet das Beispiel vom Autofahrer, der das Licht beim Parken nicht ausschaltet – ja, der Vortrag ist schon älter – und jemand im strömenden Regen ihm nachläuft, um ihn darauf aufmerksam zu machen), dann bringe ich ihn dazu, dass er selbst dasselbe für jemanden andern tun wird. So entstünde eine Kettenreaktion die weitergeht. Mir gefiel diese Vorstellung herausragend gut. Keine endgültigen Lösungen – Endlösung(!) – würden die Welt verbessern, so Watzlawick, sondern die kleinen Gesten der Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Das könnten wirklich alle tun.

Dies war heute eine Art von Bestätigung für mich. Wer jemandem anderen etwas Gutes tut, tut es im Grunde für sich selbst, weil damit die Welt um ein winzig-kleines Bisschen besser geworden ist. Es kostete mich einen Telefonanruf und schon habe ich jemanden sehr glücklich gemacht. So etwas ist Gold wert und nicht mit Geld aufzuwiegen: das gute Gefühl geholfen zu haben, etwas in einem anderen Menschenleben bewirkt zu haben. Und es ist von Dauer in die Ewigkeit eingetragen.

Ein Engel bin ich zwar nicht, aber doch eine gläubige Christin, die wirklich versucht, das Evangelium ernst zu nehmen und auch umzusetzen. Und immer mehr verstehe ich, was in uns verborgen ist: das Gute ist grundgelegt, muss aber immer gepflegt werden. Wenn wir uns hinreißen lassen, Negatives zu tun und das möglicherweise häufig, dann werden wir eine andere Kettenreaktion erleben: die Negativität fällt auf uns selbst zurück. Es ist fast wie ein Naturgesetz.

Auch wenn manche einwenden, dass es doch viele böse Menschen gibt, denen es aber sehr gut geht, dann muss ich dagegen halten, dass wir das gar nicht beurteilen können. Selbst materieller Reichtum ist kein Garant, dass es jemandem gut geht. Es gab schon Millionäre, die sich das Leben genommen haben.

Jedenfalls bin ich heute sehr glücklich. Das wünsch ich euch auch: glücklich zu sein!

 

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