Neue Arbeit – neues Leben

Ich habe sehr ausführlich beschrieben, welche bürokratischen Wege man gehen muss, um in Südtirol ansässig zu werden. Doch der Grund warum ich überhaupt diesen Schritt endlich machen konnte, war meine neue Arbeit! Ich betreue eine historische Ausstellung in Bozen. ‚Wie langweilig!‘, denkt ihr vielleicht, aber da irrt ihr euch gewaltig.

Die Ausstellung heißt „BAS – Opfer für die Freiheit“ und handelt von den 60iger Jahren in Südtirol. Leute in meinem Alter haben vielleicht schon von den sogenannten „Bombenjahren“ gehört. Jedoch sind die Informationen über diese Zeit nicht ausreichend erforscht gewesen. Es gab auch nicht wirklich einen Ort – außer vielleicht an den Uni’s – wo man sich intensiver mit dieser Zeit beschäftigen konnte. Da ich keine historischen (berufliche) Vorkenntnisse besaß, war ich zuerst nicht wirklich zuversichtlich, dass ich diese Stelle bekommen würde. Doch die Begründung war meine psycho – soziale Ausbildung und mein diplomatisches Geschick! Jetzt nach zwei Monaten in der Ausstellung verstehe ich es voll und ganz, warum dies so war:

Es gab damals ganz viel Schreckliches für die Südtiroler zu erleben und die Bombenleger waren alles andere als einfach nur Terroristen! Wer die Biographie von Georg Klotz oder Sepp Kerschbaumer –  beide galten als führende Köpfe im BAS (=Befreiungsausschuss Südtirol) – liest, merkt ganz schnell, dass diese Menschen wirklich einfache und aufrechte Leute waren, die einfach die Ungerechtigkeit und die Unterdrückung durch eine viel zu harte Staatsmacht nicht mehr ertragen konnten.
Nun viele von ihnen wurden dann auch inhaftiert und brutalst gefoltert vom italienischen Militär und es gab schließlich den Mailänder Prozess.

Es gäbe dazu noch viel zu sagen, aber das führt hier zu weit. Jedenfalls kommen Menschen in die Ausstellung, die entweder als Kind diese Jahre erlebten oder als junge Erwachsene teilweise sogar selbst aktiv gewesen waren. Leute, deren Angehörige Opfer dieses Kampfes wurden oder die selbst einiges erlebt hatten. Südtirol muss damals einem Heereslager geglichen haben.

Besucher – Männer wie Frauen – , denen Tränen in den Augen stehen bzw. es schwer ertragen können all das in dieser Ausstellung zu sehen, haben mir klar gemacht, wie wichtig meine soziale Ausbildung ist.  Und genau diese Besucher bedanken sich für diese Ausstellung! Mit jedem Tag, an dem ich zumindest ein bisschen von dieser Geschichte studiere, wächst mein Feingefühl und mein Verständnis für die Südtiroler! Ich kann also mit Fug und Recht sagen: Diese Arbeit ist mir auf den Leib geschrieben.

Zur Zeit beschäftige ich mich mit Sepp Kerschbaumer recht intensiv und bin total verblüfft, denn ich finde mich irgendwie in seinem Wesen wider. Ein scheinbar widersprüchliches Wesen: ein zutiefst gläubiger Katholik, der den Glauben an Jesus Christus sicher als oberstes Prinzip zu leben versuchte  – ja, ich bin auch so jemand :-), davon ein anderes Mal mehr – und doch  keinen anderen Ausweg sah, als die Feuernacht zu wollen, in der ca. 40 Strommasten fast zeitgleich in Südtirol gesprengt wurden. Ein zutiefst verwurzelter Tiroler, der sein Land und seine Leute über alles liebte. Ein Mann, der gerne Bauer gewesen wäre, dem aber die spitze Feder besser lag, mit der er auch alles versuchte, um auf politischem Wege die Lage zu verbessern. Leider mit wenig Erfolg.

Ich kann diesen Menschen so gut verstehen. Oft habe ich auch das Gefühl, dass ich einfach von allem etwas in mir trage: Tirolerin zutiefst verwurzelt (ja, ich hab sogar manchmal nach dem Norden ein bisschen Heimweh!), glühende Jesus – Verehrerin, überzeugte Katholikin (dafür wurde ich schon oft heftig angefeindet!) und doch kann ich auch wirklich starrsinnig und biestig um etwas ringen und kämpfen. Ja, ich gebs zu, manchmal kann ich richtig wütend werden, auch mal auf einen Tisch klopfen und richtig aggressiv sein. Allerdings dauert das doch lange und es müssen viele Faktoren zusammenkommen – bspw. Schlafentzug und Stress….

Bei diesem Buch fragte ich mich, wie lange hätte ich zusehen können bei dieser ungerechten Behandlung der Südtiroler? Ich weiß es nicht, aber ich denke nicht so lange, wie die Südtiroler das ausgehalten hatten.

Die Geschichte unseres Landes ist ja wirklich eine tragische: 1918 wurde das Land mitten durch gerissen und wer heute noch glaubt, dass das ja eh so lange her ist und eh keine Auswirkungen mehr hat, der hat wirklich seine Augen vor der Realität – nördlich und südlich des Brenners – vollkommen verschlossen.

Ja, die sensible Brennergrenze. Jetzt gerade ist sie wieder in den Medien und der Ruf wird wieder lauter den Brenner dicht zu machen! Das wäre echt Irrsinn und ja, für mich jedenfalls ein Problem! Aber das gehört nicht hierher, zeigt aber wieder einmal auf, dass diese Grenze nach wie vor eine Unrechtsgrenze ist und bleibt. Und das lasse ich mir auch von niemand schön reden, diese Worte gibts gar nicht!

So, jetzt wisst ihr, was ich hier in Bozen beruflich mache. Vielleicht habt ihr mal Lust und Zeit die Ausstellung zu besuchen:

BAS – Opfer für die Freiheit
Laubengasse 9
39100 Bozen

Oder schaut auf Facebook vorbei:

BAS – Opfer für die Freiheit

Ich freue mich über eure Rückmeldungen zum Blog – schließlich bin ich immer am Lernen!

 

 

2 Kommentare zu „Neue Arbeit – neues Leben

  1. Ein großes Kompliment zu Deinem Blog!
    Macht echt Spaß, darin zu lesen, liebe Michaela.
    Die ausufernde Bürokratie und die langsamen Verwaltungsabläufe sind fürchterlich, aber eben der ital. Gesetzgebung geschuldet. Viele Süd-Tiroler haben sich mit diesem drittklassigen System abgefunden, andere kämpfen dafür, dieses Land nicht zu einer normalen ital. Provinz werden zu lassen.
    Unser Land ist viel zu schade für Italien.
    Freiheit für Süd-Tirol!

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