Plötzlich Sperrzone

Wie sicher alle inzwischen mitbekommen haben, hat sich Italien zur Schutzzone erklärt. Da sich auch Österreich nun daran macht, Verordnungen zu erlassen, die nur in Kriegs- bzw. Bürgerkriegszeiten denkbar sind, nennen wir das Kind doch beim Namen: Sperrzone. Ich war auf einem kurzen Aufenthalt in meiner alten Heimat, um bei meinem (Noch-) Leasingauto die vorgeschriebene Inspektion machen zu lassen und wollte am Mittwoch (also heute) wieder zurückfahren. Vorgestern abends dann (um ca. 22 Uhr!) erfahre ich über die Medien, dass Italien die Grenzen schließt. Punkt. Keine Aus- oder Einreise mehr möglich. Mein Schatz, seine Tochter und ich – wir waren total schockiert. Was soll ich jetzt machen? Das Auto mit Einkäufen voll (das mache ich immer so, da in Österreich viele Waren billiger sind und ich diese Gelegenheit nütze) und jetzt darf ich nicht mehr heimfahren? Es gab keine ordentliche Informationen zu finden. Eine Fahrt noch so spät kam für mich aber nicht in Frage, da ich schon müde war und sowieso ins Bett wollte. Also was tun? Nach einem Hin und Her kam ich zum Entschluss, dass ich es am nächsten Tag einfach probieren werde. Schließlich bin ich in Südtirol versichert und habe hier meinen Lebensmittelpunkt. Also alles absagen, was ich noch ausgemacht hatte (Freunde und Familienangehörige treffen usw.). Ich hatte nicht besonders gut geschlafen, aber ich machte noch meine letzten Erledigungen gestern und fuhr dann mit einer Selbsterklärung im Gepäck, die mir mein Schatz noch geschickt hatte, los.

Es ist ein schreckliches Gefühl, wenn man Angst bekommt, nicht mehr nach Hause zu dürfen. Natürlich bin ich auch in meiner alten Heimat zuhause, aber alles, was mir lieb und teuer ist, ist inzwischen mehrheitlich in Südtirol. Also ich machte mich – wie gesagt – auf und habe alle möglichen Szenarien durchdacht. Aber ich war gut gerüstet, denn ich führte nicht nur den Pass mit mir, sondern auch die Sanitätskarte, die beweist, dass ich als vollwertige Bürgerin Südtirols hier auch versichert bin. Auch diese Selbst- oder Eigenerklärung des italienischen Staates, habe ich – zumindest bemühte ich mich – ordnungsgemäß ausgefüllt. Die Erklärung konnte ich auf die Schnelle am Abend nur in Italienisch erhalten und dieses Amtsitalienisch ist doch noch immer eine Herausforderung für mich. Dort vermerkte ich, dass ich zu meinem Hautpwohnsitz zurückkehre („rientro presso il proprio domicilio, abitazione o residenza“). Die Residenz ist der Hauptwohnsitz.

Auf der Fahrt wurde mir bewusst, wie sehr ich Südtirol liebe und wie sehr ich es vermissen würde, wenn man mich nun nicht zurück ließe. Es war echt furchtbar diese Vorstellung. Der Puls steigt, man atmet tiefer und schneller und man hat dieses klammernde Gefühl im Solarplexus… Es ist wirklich Angst. Angst nur noch über Internet zu kommunizieren. Angst aus Ungewissheit, wie lange dieser Zustand dann wohl bleiben würde usw.

Gleichzeitig durfte ich erkennen, wie sehr ich schon angekommen war. Hier im Südtiroler Unterland. Ich beschloss noch während der Fahrt alles zu tun, ja wirklich ALLES, nur damit sie mich nicht daran hindern, die Brennergrenze zu passieren.

Am Brenner oben dann die absolute Überraschung: NICHTS!! GAR NICHTS! Keine Kontrollen, keine Polizei- oder Carabinieriautos weit und breit. Ungehinderte Fahrt in den Süden. Nur auf der anderen Spur Richtung Norden sah ich österreichische Polizeiwagen und auch eine Kolonne hatte sich davor gebildet. Ich war so unendlich erleichtert und glücklich, dass ich es niemandem sagen kann. Hier eingesperrt zu sein, ist mir wirklich egal. Hier habe ich mein Leben, meinen Liebsten und auch meine Miezekatzen.

Ob diese Maßnahmen richtig oder überzogen sind, das weiß ich nicht. Man hat natürlich so seine Verdachtsmomente. Aber ich bete schon lange immer wieder mal dieses Gebet:

„Herr, gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Die Gelassenheit, Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Ich weiß nicht wer der Urheber dieses wunderbaren Gebetes ist (hab ich nie wirklich recherchiert!), aber es hilft mir ungemein in solchen surreal anmutenden Situationen sehr.

Surreal ist sie für mich schon diese Situation. Man fühlt sich nicht nur zurückversetzt in der Zeit, wo die Brennergrenze noch sehr real war, sondern darüber hinaus, dass wir uns nicht mehr berühren sollten, Abstand halten müssen, ja sogar Gottesdienste abgesagt werden. Sehr abstrakt für mich. Es ist als würde man eingefroren werden. Das Leben wird mal auf Eis gelegt. Soziale Kontakte sind für mich immens wichtig, daher ist sie befremdlich, diese Situation.

Aber hier ist es kein Problem für mich, damit umzugehen. Wir werden das auch hinbekommen. Durch meine Einkäufe haben wir doch einen guten Vorrat für einen Monat angelegt. Nur schneller Verderbliches müssen wir nachkaufen. Es geht uns also gut. Sehr gut sogar. Auch wenn mir alle Betriebe, besonders die Kleinstbetriebe und die Gastronomie leid tun. Für manche Menschen steht die Existenz auf dem Spiel. Auch wenn der Staat Italien verspricht zu helfen und Millionen bereitstellt, bedeutet dies noch lange nicht, dass dieses Geld wirklich bei diesen Kleinstunternehmen auch ankommen werden. Ich wünsche es jedem einzelnen von Herzen.

Viele Geschäfte schließen, wie viele Gastronomiebetriebe schließen weiß ich nicht, aber sicher auch einige. Hamsterkäufe hatten schon angefangen, deshalb habe ich auch mehr eingekauft in Österreich, um nicht nur uns beide zu versorgen, sondern auch anderen Familienangehörigen bei Engpässen helfen zu können. Wie das die Wirtschaft verkraften soll, ist mir schleierhaft. Bis auf die Apotheken und die Lebensmittelbranche ist der Rest wirklich gefordert. Bei wenig Rücklagen wirds dann wohl schwierig für einige. Ich hoffe, dass diese Situation bald besser wird und wir wieder unser Leben aufnehmen können.

Mitleid habe ich mit allen, die in dieser Zeit einen Angehörigen verloren haben. Wir sollten auf uns acht geben, aber das Lieben kann mir keiner verbieten. Wenn ich schon niemandem mehr die Hand reichen darf, Freunde und Verwandte nicht mehr umarmen darf, dann kann ich nur noch beten, dass dieser Wahnsinn bald wieder aufhört. Ich umarm euch alle aus einem Meter Abstand. Was das helfen soll, wenn jemand niest, ist mir auch ein wenig schleierhaft….. aber das ist eine andere Geschichte!

Bei uns kommt der Frühling und bald werde ich euch ein paar Fotos reinstellen… Habt trotz aller Hiobsbotschaften einen schönen Winterausklang und einen kraftvollen Frühlingsbeginn. Bleibt gesund!

3 Kommentare zu „Plötzlich Sperrzone

    1. Naja. Hier ist das verordnet. Man darf seine Heimatgemeinde nur aus drei Gründen verlassen: Einkauf von Lebensmitteln, zur Arbeit fahren und aus wichtigen medizinischen Gründen. Man muss diese Selbsterklärung mitführen, falls man von den Ordnungshütern aufgehalten wird. Bei Nichteinhaltung drohen saftige Strafen. Aber ich hoffe wirklich, dass wir das bald wieder geschafft haben.

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