Mary

Gestern ist meine beste Freundin gestorben. Meine langjährige und inzwischen beste Freundin ist nicht mehr. Unsere tiefsinnigen, teils auch philosophischen Gespräche regten mich nun an, etwas über sie, einen außergewöhnlichen Menschen zu schreiben. Unscheinbar, mütterlich, unbeirrt, freundlich, offen und herzlich. So könnte ich sie kurz beschreiben. Ihre harte Kindheit hat sie tief geprägt und sie zu einem sehr starken Menschen werden lassen. Sie entschied sich zu lieben. So bedingungslos wie nur möglich. Sie ließ keine Vorurteile zu, sondern wollte jeden Menschen offen kennenlernen. Erst dann machte sie sich ein Bild von einer Person.

Mir war sie oft zu gutmütig und ich hatte den Eindruck, dass sie sich oft ausnützen lässt. Sie aber lächelte nur, ja irgendwie verstand sie mich und doch auch wieder nicht. Ihr Blick war auf etwas anderes gerichtet, als auf die nackte Realität. Es erschien mir manchmal, dass sie einen Zugang zu einer viel tieferen Wirklichkeit hatte als ich.

Ab und zu erzählte sie mir Anekdoten aus ihrem Leben. Und dabei kamen Menschen vor, die nach der Begegnung mit ihr – die oft natürlich länger dauerte – eine andere Person geworden waren. Sie erzählte von einer schweren Zeit, als sie sich mit ihrem Kind allein durchschlagen musste. Vom Rosen verkaufen gehen. Von liebenswerten Nachbarn, die ihr halfen, da sie von ihrer Familie nichts erwarten konnte. Von einem Sohn, der in zartem Kindergarten-Alter so zuverlässig war, dass sie sich blind auf ihn verlassen konnte.

Von unangenehmen Begegnungen auf dem Erdbeerfeld als Erntehelferin, mit dessen Verdienst sie sich über Wasser halten konnte. Sowie auch von unzuverlässigen Freunden, die ihr Geld statt für Brot doch für etwas anderes ausgegeben hatten.

Sie erzählte all das vollkommen ohne Groll. Wenn sie sprach, dann kamen immer Kinder vor. Nicht nur ihre eigenenen – sie hatte ja später noch zwei bekommen. Andere Kinder. Und jedes einzelne Mal leuchteten ihre Augen wie Sterne in der Nacht. Kinder und sie, das war wie Butter und Brot, wie der Fisch und das Wasser! Sie zog die Kinder an wie ein Magnet. Und die Kinder zogen sie an. Nie habe ich jemanden so voller Freude gesehen, wenn von Kindern die Rede war. Aber auch voller Traurigkeit, wenn sie von leidenden Kindern sprach. Und voller Kampfesgeist, wenn es um die Verteidigung von Kindern ging.

Sie war jemand Besonderes. Einzigartig. Sie sprach immer wieder von dieser anderen Realität, von Gesetzmäßigkeiten, die zum Tragen kommen, wenn wir uns gut oder schlecht verhalten.

Ihr Wesen spiegelte das Evangelium wider. Auch wenn sie nie viel darüber sprach und eher ihre liebe Not mit den Kirchen hatte. Aber ihr ganzes Verhalten, ihr Ringen um die Liebe ein Leben lang, zeigen mir klar, wie tief verwurzelt das Evangelium in ihr war.

So wird sie nun in der bedingungslosen Liebe unseres Herrn Jesus baden können und jubeln angesichts der Herrlichkeit Gottes, der sie von Anfang an bedingungslos geliebt hat.

Für mich bedeutet ihr Tod ein weiterer, unvorhergesehener Abschied. Noch im August wollte ich sie besuchen fahren, was plötzlich nicht mehr geht. Habe schon einige Abschiede hinter mir, gerade in letzter Zeit mit dem Neubeginn in Südtirol zwanglsäufig verbunden. Nur dieser hätte ruhig etwas später kommen können.

Liebe Mary, vielleicht denkst du mal an mich, wenn du da oben die ewige Feier genießt! Werde dich vermissen!

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